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NIGHTLY GALE • „Doom Metal für die Elite”

Interview zum Download (PDF, 8 Seiten A4, 102 KiB)

NIGHTLY GALE ist das überragende Aushängeschild des polnischen Doom Metal. Die Band existiert seit über 10 Jahren und hat einige Veröffentlichungen auf dem Konto. Mit dem letzten Album „Illusion of Evil” kehrte sie nach längerer Pause zurück. Entgegen allen Moden und Trends in der Metal-Musik sind Nightly Gale ihrem Stil treu geblieben. Die Musik hat sich kaum verändert, immer noch sind es lange Kompositionen – langsam, tief emotional, melancholisch und gar depressiv. Zusätzlich ein wenig Exotik, moderne Elemente und „abgefahrene Atmosphäre”. Über die alten Aufnahmen, die Gegenwart und das in Vorbereitung stehende Album – Arbeitstitel „Imprint” - erzählt Sławek, der unangefochtene Anführer der Formation.

Sei wieder gegrüßt im Atmospheric'zine! Bei der Kontaktaufnahme nach Jahren fiel nicht umsonst die Frage, ob Ihr noch mit der Underground-Presse zusammenarbeitet. Es stellte sich heraus, dass Du uns eine Kopie des Albums hast zukommen lassen, statt, wie viele jungen Bands auf die Website zu verweisen, um mp3-Stücke herunterzuladen.

Hi! Wir müssen einander respektieren und deswegen komme ich nicht auf solche dummen Ideen. Außerdem arbeiten wir mit jedem Zine, der uns irgendeine Art von Promotion anbietet. Klar, auf unserer Website sind Fragmente von Stücken aus dem aktuellen Album, aber sie sind eher für Leute gedacht, die die Platte kaufen möchten, aber nicht ganz überzeugt sind.

Nightly Gale sind nach längerer Pause zurückgekehrt. Ich habe mir gedacht, Ihr und wir als Zine am gleichen Punkt sind – beide haben wir in der selben Zeit angefangen, in der gleichen Zeit haben wir eine Pause absolviert, und mussten von Neuem im Untergrund anfangen. Ich vermute, dass der einzige positive Punkt war, dass man die Band nicht von vorne vorstellen musste, weil, wie Du selbst gesagt hat, die Leute die Band nicht vergessen haben. Haben die Fans die Marke „Nightly Gale“ noch nicht begraben?

Nach der Veröffentlichung von „And Jesus Wept“ waren wir sehr zufrieden, dass eine große Plattenfirma wie Pagan Records sich um unsere Sache kümmert, aber entgegen früheren Versprechen, haben sie sich von der Veröffentlichung des zweiten Albums zurückgezogen, was keinen guten Einfluss auf die Band hatte. Vier Jahre Absenz mussten fatal enden und so war es. Ich gebe zu, es gab eine Periode der totalen Stille, in der ich keine Post und keine Mails bekommen habe. Erst nachdem das neue Album herauskam, haben uns die alten Fans nicht enttäuscht und haben unsere harte Arbeit gewürdigt. Jetzt sind wir fast in der gleichen Lage wie am Anfang der Band, das heißt wir machen vieles selbst und lassen uns von vielen Menschen unterstützen, mit denen wir in der Vergangenheit zusammengearbeitet haben. Der einzige Unterschied ist, dass man jetzt viel einfacher die Musik auf gepresste CDs für ein vernünftiges Geld bannen kann statt auf Kassetten.

Würdest Du ein zweites Mal den Fehler machen, was die Aktivitätspause angeht? Was hast Du in der Zeit gemacht? Warst Du am Laufenden in der Musikszene und hast beobachtet, was in der „Konkurrenz“ abgeht? Hast Du Platten gekauft? Hat Dich die Situation in der Szene nicht erschreckt? Wie sehr sie sich verändert hat, nach dem Einzug von Computern und Internet. Du weißt, es geht mir um neue Kommunikations- und Promotionmittel...

Wir werden den Fehler kein zweites Mal machen; man muss ständig in Bewegung sein und die Leute daran erinnern, dass es einen noch gibt. Wenn man es wie wir macht, dann fängt man wieder von vorne an und die ganze Arbeit war umsonst. In der Zwischenzeit habe ich kaum etwas gemacht, was mit der Band zu tun hatte, also gibt es keine Sensation. Die Konkurrenz schlafe nicht, heißt es, aber das geht uns nichts an, uns ist nur das wichtig, was wir selbst tun. Ganz sicher sind die Bands, die ich hören wollte, in meinem CD-Spieler gelandet und die Tatsache, dass es vermehrt elektronische Medien gibt, hat mich sehr erfreut. Dank dem Internet ist die Promotion um einiges einfacher und das illegale Herunterladen von Musik ist mir nicht so wichtig, wie manchen anderen.

Nightly Gale hat einen langen Weg hinter sich. Ihr habt vor über 10 Jahren mit dem Demo „Dream of Dark Hour“ angefangen, dann habt Ihr Erfolge gefeiert mit dem zweiten Demo „The Bleeding Art“ (herausgegeben von Ceremony Rec.), dann habt Ihr alle 2 Jahre veröffentlicht (Promo „Erotica“ und CD „...and Jesus wept“) und schließlich, nach längerer Pause, als viele schon dachten, Deine Band gebe es nicht mehr, „Illusion of Evil“. Fühlt Ihr Euch aus der Perspektive von allen diesen Erfahrungen wie Anfänger?

"Illusion of Evil" ist unsere zweite CD, aber wenn man die lange Pause von der Musik bedenkt, kann man sich tatsächlich wie ein Anfänger fühlen. Wir haben natürlich keine Komplexe deswegen, weil wir den Wert unserer Musik kennen und wissen, dass wir, zumindest in unserem Land, etwas Besonderes sind. Es gibt aber immer viel Arbeit vor uns und wir werden uns bestimmt nicht auf die faule Haut legen.

Meiner Meinung nach ist „Illusion of evil“ ein sehr typisches Nightly Gale-Album im Kanon des reinen Doom-Metal gehalten, mit langen, langsamen Kompositionen, einer klagenden Stimme... Wie passiert es, dass Ihr über so viele Jahre dem Stil treu seid? Diese Musik ist doch heutzutage nicht modisch, sondern vergessen oder gar belächelt.

Ich habe es bereits mehrmals erwähnt, dass wir keine Rezensionen lesen und es überhaupt nicht verfolgen in welche Richtung sich die Szene in unserem Land oder keinem anderen bewegt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir von der Konvention, die wir vor beinahe 11 Jahren entwickelt haben, abgehen sollten. Wir spielen in unserer Auffassung den einzigen richtigen Stil, in dem es auf mehr ankommt, als draufloszuknüppeln mit Verzerrung und eine bedrohliche Stimme ganz vorne. Ich habe in „Disintegration“ einige Jahre Growling benutzt, aber die wahre Herausforderung war für mich die reine Stimme zu benutzen. Manchmal lachen wir über Themen, die wir nicht kennen, weil wir in den meisten Fällen Ignoranten sind. Man muss Respekt zu vielen Sachen lernen, vielleicht wird es also in 10 Jahren anders.

In der Musik von Nightly Gale sind aber neue, moderne Elemente aufgetaucht. In einem Interview hast Du gesagt, dass es Dir nicht besonders liegt, Samples zu benutzen und die auf „Illusion of Evil“ bereits zu sehr ausgebaut und zu viele seien. Wenn das Deine Meinung ist, wer war dann der Ideengeber und warum sind sie auf der Platte erschienen? Du wolltest Dich doch nicht bei dem minderjährigen Publikum einschmeicheln? Viele Bands (nicht unbedingt aus dem gleichen Metal-Genre) sind einen ähnlichen Weg gegangen. Was denkst Du über solche Experimente?

Ich meine nur die Vocal-Samples, die Jarek im ersten Stück verwendet hatte. Der ganze Rest ist unsere bewusste Wahl und ich denke nicht, dass wir mit etwas übertrieben hätten. Wie ich bereits gesagt habe, schauen wir nicht auf andere, uns interessieren keine Moden, folglich sind derartige Überlegungen sinnlos. Wenn etwas gut klingt, dann wird es auf den Aufnahmen von NG verwendet, doch wird es keineswegs ein Spiel unters Publikum werden.

Wie dem auch sei, Elektronik gibt Eurer Musik einen gewissen Charakter und macht Euren Doom Metal überraschend oder auch interessanter. Gleichzeitig experimentierst mit verzerrter Stimme und Ihr verwendet für Metal untypische Instrumente, also muss man zugeben, dass Euch die Suche nach neuen Ausdruckswegen nicht fremd sind..

Wir mögen das Experimentieren, denn das ist wohl das schönste an dieser Musik. Es gibt keine Grenzen, die unüberwindbar sind und meist passt jedes Teil des Puzzle zum Rest. Natürlich muss man immer neue Wege gehen, so dass Langeweile uns nicht bedroht, doch kann ich mir uns nicht vorstellen, etwas Leichtes zu spielen. NG wird sich immer von anderen Bands unterscheiden, denn die Suche nach neuen Klängen spricht uns mehr an als immer nur dasselbe zu spielen. Seit „Erotica“ hatten wir kein Material, das gleich dem vorhergehenden war, so sind wir um unsere Zukunft unbesorgt.

Aufregend auf „Illusion of Evil“ ist vor allem das Saxophon, das sich hervorragend integriert. Piano konnte man schon vermuten, aber dieses Instrument konnte einige Überraschung auslösen. Welche Neuigkeiten können wir auf den nächsten Aufnahmen erwarten? Geigen/Violinen sind im Doom Metal schon leicht abgenutzt...

Man kann alles erwarten. Sogar Violinen und Frauengesang, wenn uns das notwendig erscheint. Um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung wie die Arbeiten an der dritten CD weiter gehen werden, so dass es keinen Sinn macht, jetzt anzunehmen, dass solche Sachen Verwendung finden. Wir denken immer noch über neue Instrumente nach, so dass erst das Endeffekt die Frage beantworten wird.

Korrigiere mich, wenn ich mich täusche, aber ich denke, dass „Illusion of Evil“ ein wunderbares Geschenk für alle alten NG-Fans und Doom-Metal-Fans im Allgemeinen ist. Ihr habt nämlich ein Album erschaffen, das zu 95% - außer einigen Elementen – stark an Eure alten Werke anknüpft und auf den klassischen Mustern der Gattung aufbaut. Daher meine Frage: beobachtest Du eine große Anzahl neuer, junger Zuhörer, die interessiert oder fasziniert von Eurer Musik sind?

Doom Metal ist eine Musikgattung, die auf unsere Gefühle wirkt, und als alter Fan dieser Musik, mag ich, wenn wir die Musik spielen, die mir gefällt. Jeder, der ähnlich denkt, findet In Nightly Gale eine brüderliche Seele und vergisst sie nicht. Und obwohl ich dem nicht unbedingt zustimmen kann, dass wir ein klassisches Beispiel sind, alte Muster im modernen Gewand umzusetzen, so ändert das nichts an der Tatsache, dass wir mangels anderer Beispiele so wahrgenommen werden können. Es fällt mir schwer, sich das Alter unserer Hörer vorzustellen, also kann ich nicht eindeutig auf die Frage antworten. Das Gros unserer Hörer hatten bereits früher mit unserer Musik zu tun, aber es gibt auch neue Fans, die später unsere älteren Aufnahmen kennen lernen.

Ihr habt „Illusion of Evil“ selbst herausgebracht, die Distribution hat Arek von Foreshadow Productions übernommen. Weißt Du wie seine Bemühungen in dieser Hinsicht aussehen? Ich meine, weil Arek eng mit vielen ausländischen Labels zusammenarbeitet, geht wohl ein Teil der Auflage ins Ausland. Wie beurteilst Du seine Arbeit an der Promotion/Distribution des Albums? Und nebenbei: gingen viele Kopien über Allegro [polnisches Pendant zu eBay – Übers.] weg?

Im Allgemeinen hatte unsere Zusammenarbeit mit Foreshadow als Ziel, die Band außerhalb Polens bekannter zu machen. Für die Antwort, ob Arek das Ziel erreicht hat, ist es noch zu früh, aber bis jetzt bin ich zufrieden. Über Allegro gingen etwa 50 Stück weg, also nicht Berauschendes. Im Moment hat am meisten Fonografika für uns verkauft, da sie einen landesweiten Vertrieb haben.

Ich frage nach der Nachfrage für das Album deswegen, weil – so weit ich weiß – das Demo „The Bleeding Art“ sich besser außerhalb als in Polen selbst verkaufte. Stimmt es? Wenn ja dann habe ich schon Angst, wer jetzt „Illusion...“ kauft. Steht es mit Polen so schlecht? Wir sind doch eine einigermaßen sensible, emotionale Nation...

Ich kenne solche Statistiken nicht, aber wenn ich bedenke, dass in Polen unverändert die Mode auf möglichst brutale Musik herrscht, kann es stimmen. Anscheinend lieben wir immer dasselbe zu hören, wie über das berühmte Unentschieden mit England und die 50 Death Metal-Bands, die wie Vader klingen. Als ich jünger war, hat mich das auch interessiert, aber jetzt hat das keinerlei Bedeutung für mich. Jeder hört das, was er mag, wenn wir also nur 10 Fans haben werden, dann ist es auch OK.

Ohne Zweifel ist Eure Musik nicht für jeden. Charakteristisch sind Eure langen, manchmal über 10-minütigen, komplexen Stücke. Es trifft sich so, dass ich diese Art von Musik liebe, aber – seien wir ehrlich – es ist keine leichte Kost für alle. Wie fühlst Du Dich, wenn Du Musik für eine Elite kreierst? Bist Du stolz auf Eure Fans, dass sie solch schwierige Musik lieben?

Es bietet sich sehr selten eine Gelegenheit, zu sagen, dass ich stolz darauf bin, dass unsere Fans zur Elite dieses Landes gehören, also: meine Damen und Herren – wir danken Euch dafür! Wir lieben diese Art von Spielen und das ändert sich nicht. 10-minütige Stücke sind OK, wenn Du etwas interessantes darzubieten hast. Außer einem Fall: ich vertrage keinen Funeral Doom Metal, denn dieser bringt nichts Neues in die Gattung außer der Länge der Stücke. Scepticism, für viele eine Kultband, ist eine Tragödie, die rational nicht zu erklären ist. In einer Rezension las ich sogar, dass der Trommler unkonventionell und geil spielt. Das ist Schwachfug, der Kerl trifft noch nicht mal den Rhythmus und in Wahrheit kann er sein Instrument gar nicht spielen und wie ich auch meine Liebe zu Doom Metal herbeizöge, es ändert nichts daran, dass diese Band einfach sch***e ist.

Lass uns kurz über Eure Songtexte und Lebensphilosophie sprechen. Was inspiriert Dich zum Komponieren und Schreiben? Welche Gefühle, Emotionen? Wenn man Eure Musik hört, muss man denken, dass es nur negative und traurige Erlebnisse und Überlegungen sind, ich kann aber nicht glauben, dass Dein Leben so traurig und pessimistisch ist. Hattest Du nicht das Verlangen, ein Album über fröhliche Sachen zu schreiben. Es sei denn, dass Schlesien – wo Ihr wohnt – stimmt Dich so düster?

Ich bin generell ein glücklicher Mensch und das ganze künstliche Aufdrängen der Ideen den Leuten, was für eine Fiktion unsere Musik sei [... unverständliche Formulierung im Original – Übers.]. Wir spielen unsere Musik aus dem Herzen, ich bin ihr Fan, also fühle ich mich ähnlich wie die Rezipienten, so dass ich keine idiotische Ideologie dazu erfinden muss. Wenn du glücklich bist, ist es OK, wenn deprimiert auch, wenn du sie hasst, dann ist es nicht mehr mein Problem.
Wir sind Schlesier, wir lieben diese Region und wenn ich auch nicht so fanatisch wie die Basken bin, so würde ich immer für unsere Autonomie stimmen, denn ohne den Rest des Landes wäre diese Region eine der wirtschaftlich stärksten in Europa. Vergessen wir natürlich nicht, dass Schlesien auch ein Teil Tschechiens und Deutschlands ist, doch das macht mir nichts aus. Ich könnte jederzeit die polnische Staatsbürgerschaft ablegen, sei es nur um die Jahre des Herumnörgelns über die Subventionen z.B. für den Bergbau hinter mir zu lassen. In Wirklichkeit verdient ein Bergmann 2.000 Zloty [etwa 550 EUR – Übers.], bezahlt aber die höchsten Sozialversicherungsbeiträge des Landes. Die Bergwerke führen auch die höchsten Steuern ab. Manchmal sterben wir vor Lachen, wenn wir hören, wie der Rest des Landes an uns herumhackt. Fahrt mal herunter in den Stollen, dann wisst ihr wie geil man von seiner Arbeit in Schlesien lebt.

Ich erinnere mich, dass das Demo „The Bleeding Art“ von einer Bezeichnung (von Euch selbst erdachten?) begleitet war, die besagte, dass es Musik für Selbstmörder sei. Ich wollte Dich zu diesem Thema befragen. Ist das Suizid Deiner Meinung nach eine Ausflucht oder ein Akt des Mutes? Welchen Wert hat das menschliche Leben heutzutage im Angesicht der sinnlosen Morde oder Verkehrsunfälle?

Das Terminus „suicidal doom metal“ wurde von Pagan Records erfunden, um „..and Jesus wept“ besser zu verkaufen [diese Bezeichnung tauchte aber schon zu „The Bleeding Art“-Zeiten auf! – Red.], wir selbst bevorzugen das Wort „experimentell“. Wir spielen Musik, die die Herzen bewegen soll, einen High-Effekt auslösen, ohne illegale Substanzen ins Spiel zu bringen. Wir haben sie nie benutzt, um Probleme deswegen zu bekommen, für uns ist es die Musik, die uns high macht.
Ich befürworte die Selbsttötung nicht, bin weder dafür noch dagegen, weil mich das nicht betrifft. Menschen, die psychisch schwach sind werden den Kampf des Lebens so oder so verlieren, wie du dich auch bemühst. Es gibt Menschen, in denen der Wille zu sterben größer ist, als der zu leben, ich habe den Effekt dieses Willens mit eigenen Augen gesehen. In der heutigen Zeit ist das Leben bestimmt nicht einfach, doch Nightly Gale ist dafür in keiner Weise, weder durch Musik noch Texte verantwortlich.

Denkst Du, Musik kann eine solche Energie und Schöpfungskraft haben, um jemanden zu stärken und ihn von diesen selbstzerstörerischen Gedanken abzubringen? Ist der Prozess des Schreibens und Spielens solch trauriger Musik eine Art Katharsis? Reinigt sie Dich von negativen Emotionen, so dass Du im täglichen Leben normal funktionieren kannst?

Ich habe nie so darüber nachgedacht und nach solchen Fragen sollten wir einen Psychologen in der Band haben, der jedem erklären würde, was ich im Sinn hatte, als ich diesen oder jenen Text schrieb. Wir mögen es so zu spielen und obwohl es nichts mit unserem täglichen Leben zu tun hat, kann es erklären, dass wir uns unterbewusst von etwas fürchten. Es ist schwierig sich selbst zu verstehen und um so mehr jemand anderen.

Zum Anlass der Erscheinung von „The Bleeding Art“ hast Du Dich sehr abwertend über Frauen geäußert („Behälter für Sperma“). Ich erinnere mich, dass mich das damals – als junges Mädchen – sehr angewidert hat, und dass ich Dich für einen dummen Schwanz hielt. Ich vermute, dass der Grund für diese Aussage eine verletzte Beziehung sein könnte oder es hat Dich eine Frau gehörig verarscht? Was denkst Du jetzt darüber? Du bist jetzt ein erwachsener Mann und hast gewiss nicht nur eine Pflaume gepflückt... Wie ist es denn mit den Frauen und der Liebe?

Damals, als ich über die „Behälter für Sperma“ schrieb, war ich ziemlich niedergeschlagen. Ich gebe zu: ich war ein Schwanz. Die Liebe ist blind – manchmal wünsche ich, ich wäre blind und würde sie nicht sehen.

Ich denke aber dass es mit Deiner Anhimmelung für Frauen nicht so schlecht bestellt ist, hast Du doch ein Material wie „Erotica“ aufgenommen, mit einem nackten Weib auf dem Cover? Worüber handeln die Texte dieser Veröffentlichung?

Ich habe „Angelica Burns“ angezündet und sie mit Hunden verjagt, weil sie eine untreue Hure war. In „Dark River of the Heart“ wollte ich zeigen, wie verlogen die Katholiken mit ihrem Glauben sind. In diesem Fall könnte das Coverbild etwas täuschend sein.

Genau, „Erotica“ und „...and Jesus wept“... Ich glaube diese beiden Veröffentlichungen sind auf ein verhaltenes Echo im Untergrund gestoßen, obwohl Ihr ein paar positive Kritiken und einige Interviews hattet. Die Band war damals nicht gerade auf dem Gipfel der Karriere... Oder täusche ich mich? Wie denkst Du über jene Zeit?

Es war glaube ich genau umgekehrt: „Erotica“ war ein für uns bahnbrechendes Material, da wir danach einen Plattenvertrag bekommen haben. „...and Jesus wept“ ist bis heute im gewissen Sinne neuartig, es ist ein gutes Beispiel für Leute, die denken, Doom Metal wäre tot. Meine Erinnerung an diese Zeit ist eher mit dem wachsenden Interesse an der Band verbunden, so dass ich die Frage nicht nachvollziehen kann [es war ein rein subjektiver Eindruck – Red.]. Früher wurden wir nur mit den Größen des Genres verglichen, und ab „Erotica“ kam eine neue Ära, in der nur noch über uns gesprochen wurde, ohne Vergleiche mit anderen Bands zu ziehen.

Seit der Gründung der Band bist Du ihr Leader. Zusätzlich arbeitest Du am liebsten zu zweit + Gäste im Studio. Warum? Ganz prosaische Gründe, wie Mangel an Musikern zur Zusammenarbeit oder bist Du ein echter Anführer, magst es zu beherrschen und selbst über alles zu bestimmen und andere Personen sind nicht nötig? Oder ist es noch anders? Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass solche Musik, wie Nightly Gale sie spielt, mit vielen Instrumenten, die nicht unbedingt aus dem Metal-Umfeld stammen, keine personelle Verstärkung braucht?

Ich bin gewiss nicht ganz leicht im täglichen Umgang und deshalb war es mir immer schwierig eine zahlenmäßig entsprechende Truppe, die Doom Metal liebt zusammen zu stellen. Während der „Erotica“-Zeit waren wir zu viert und ich dachte, so eine geile Gruppe bekommst du nie wieder zusammen. Es ist anders gekommen und aus diversen Gründen sind wir zu zweit mit Jarek geblieben. Das aber ohne, dass die Musik einen Schaden genommen hätte, da immer nur wir beide dafür verantwortlich waren. Während des Entstehungsprozesses des neuen Albums ist Radek Daszkiewicz, der schon als Gast Piano auf „Illusion of Evil“ gespielt hatte, das dritte Mitglied der Band geworden, und dank dieser Tatsache sind ein langer Text und einige abgedrehte Klänge entstanden. Jetzt sind wir also zu dritt und jeder bringt etwas Eigenes und Wichtiges in die Musik ein. Es ist eine optimale Besetzung, die sich bestimmt nicht ändern wird. Als eine reine Studio-Band brauchen wir nicht viele Leute, um die Musik zu kreieren, aber bei Instrumenten wie dem Saxophon sind wir auf Session-Musiker angewiesen.

Eben. Im Laufe der Jahre hast Du mit vielen Gastmusikern zusammengearbeitet. Nach welchem Schlüssel wählst Du sie aus? Wie kam es, dass Waldek (früher von seinem eigenen Projekt „Dunkelheit“ bekannt), der Euch mehrmals gesanglich unterstützte, nie vollwertiges Mitglied der Band war? Seid Ihr nicht befreundet? Trefft Ihr Euch nur während der Aufnahmen?

Waler war seit „Erotica“ volles Mitglied der Band, er war unser Kumpel und Freund. Es gab leider immer irgendwelche Probleme, mit denen wir mal besser, mal schlechter fertig wurden. Nach den Aufnahmen von „Illusion of Evil“ beendeten wir die Zusammenarbeit, weil wir keine gemeinsame Sprache finden konnten. Es ist schwierig, von jemanden Engagement zu verlangen, wenn derjenige das, was er macht, gar nicht mag, und dennoch sich für eine Schlüsselfigur der Band hält. Ich habe es zwar erst nach seinem Entfernen erfahren, verwundert bin ich aber bis heute. Vor Kurzem hat mir sein Bekannter mitgeteilt, dass er sich wundere, dass wir noch weitermachen, da Waler gesagt habe, Nightly Gale könne ohne ihn nicht existieren. Es ist traurig, weil er nie, was unsere Musik angeht, etwas zu sagen hatte, und seine Gesangspartien wurden immer strikt von uns arrangiert.

Erzähle mir auf welcher Ebene Ihr mit Radek zusammenarbeitet? Welche Aufgabe hat er in der Band? Ich weiß, dass er auf dem vorbereiteten nächsten Material noch stärker in Erscheinung treten soll, als bisher.

Von Anfang an habe ich ihm gesagt, dass die neue Platte etwas Tolles wird und so ist es geschehen. Das Angebot der Zusammenarbeit mit Nighhtly Gale ist wirklich etwas großartiges. In den letzten paar Jahren habe ich seine Möglichkeiten kennen gelernt und ich weiß, dass seine Partizipation sehr bemerkbar sein wird.

 Haben Nightly Gale jemals live gespielt? Die spezifische Zusammensetzung der Band in Betracht ziehend, könnt Ihr nicht live auftreten. Bereust Du es nicht? Fehlt Euch nicht der Kontakt mit lebendigem Publikum, der Adrenalinstoß?

Wir haben niemals live gespielt und das ist tatsächlich ein großes Minus unserer Aktivität, aber ich habe mich daran gewöhnt. Der Bekanntheitsgrad würde sicherlich durch Konzerte größer werden, aber wir habe keine Zeit dafür. Praktisch von Anfang an wusste ich, dass es ein reines Studio-Projekt werden würde und die Organisation eines einzigen Konzertes (was wir in Erwägung ziehen) würde nicht viel ändern.

Kennst Du das Album „Sadness“ der russischen Band „Black Forest“? Das erste Stück, „Revival“, das 10 Minuten dauert, klingt wie Nightly Gale aus „The Bleeding Art“-Zeiten. Ist es möglich, dass so eine Band Euch als Vorbild hatte? Oder ist es nur Zufall? Weil es so einfach ist, monumentalen, depressiven, schwerfälligen Doom Metal zu spielen?

Ich kenne die Band nicht, also enthalte ich mich einer Stellungnahme. Doom Metal so zu spielen, dass die Musik den Zuhörer nicht nach dem ersten Stück mit Langeweile tötet, ist nicht einfach. Außerdem ist es nicht einfach, hier objektiv zu sein, da laut mancher Zuhörer, auch unsere Musik Langeweile aufkommen lässt.

Da wir schon bei anderen Bands sind... Ich glaube wir haben uns damals auf einem Konzert in Knurów getroffen, wo u. A. die Band „Esquarial“ gespielt hatte. Du sagtest damals, dass Du ihre Musik magst, was mich verwundert hatte, da es die Zeit des Albums „Amorphous“ war, also rassiger Death Metal. Wen würdest Du aus der heutigen Szene hervorheben?

Wenn ich unter Alkoholeinfluss stehe, dann rede ich manchmal wirres Zeug und bin nicht in jeder Hinsicht zitierfähig. Ich habe keinen blassen Schimmer über unsere Metal-Szene und dabei bin ich die am meisten engagierte Person in der Band. Wie ich schon sagte, wir interessieren uns nicht für gegenwärtige Sachen, sondern konzentrieren uns ausschließlich auf die neuen Stücke.

Ihr bereitet das nächste Album vor. Erzähle etwas über die neuen Stücke, und da Ihr schon nach den ersten Aufnahmen seid, etwas über den Verlauf der Aufnahmen. Was bewegte Euch dazu, zuerst die Musik, und dann beim zweiten Termin den Gesang aufzunehmen?

Wir haben bei „Illusion of Evil“ ähnlich verfahren, also haben wir die gleiche Technik auch hier angewendet. Wir nehmen auf, wenn wir Zeit dazu haben und da diese immer knapp ist, sind wir gezwungen die Aufnahmen zu teilen. Die Musik ist fertig, ab Anfang Januar werden wir dann den Gesang und die anderen Instrumente aufnehmen. Das Ganze wird 70 Minuten dauern, es werden 7 Stücke ohne Pausen dazwischen sein, in eine lange Erzählung gekleidet.

Auf dem neuen Album wirst Du zum ersten Mal nicht für die Texte verantwortlich sein, was Du ohnehin nie mochtest. Welche Neuerungen auf dieser Ebene können wir erwarten, außer dass alle Texte eine Einheit (wie bei King Diamond und nicht nur) ergeben werden? Es antwortet Radek:

... über das Leben, die Liebe und das Nicht-Leben. Wie jeder, der sich künstlerisch betätigen kann und das Glück hat, seine Ergebnisse publizieren zu können, möchte ich den Raum für Interpretation den Rezipienten unseres Projektes überlassen. Ich hoffe, dass nachdem sie den unverwechselbaren Klängen von Nightly Gale gelauscht haben, sie Lust und Muße finden, sich mit der Lektüre zu befassen. Deswegen erlaube ich mir, statt der Zusammenfassung, eine Kurzcharakteristik der Hauptperson der Erzählung... Es ist ein noch junger Mensch, der schon eine Familie und noch einen Job hat – daraus folgern wir, dass das Ganze in Polen spielt. Es ist ein Mensch, der einen Hang zum Philosophieren hat, immer sucht er Antworten auf Fragen, die glückliche und einfache Menschen gar nicht erst stellen. Die Welt, in der er lebt hilft ihm nicht bei seiner Suche, und der Farbfernseher bestätigt nur, dass die Vernunft gänzlich verblasst ist. Das Zuhause, das er erschaffen hat ist seine Zuflucht, dort vergisst er seine Zerrissenheit und ist glücklich ohne seine Fragen. Es ist eine Figur, die in der Liebe vor allem Akzeptanz und Sicherheit sucht, doch leider wird er dieser Werte allzu gewaltsam beraubt...

Ihr habt entschieden, dass Ihr das nächste Album wieder selbst veröffentlicht. Ich frage nicht mehr, warum, weil mir klar ist, dass erfahrene Bands in Polen auf keine Unterstützung seitens einer seriösen Plattenfirma zählen können. Man kann mit solcher Musik schließlich nichts verdienen... Werdet Ihr wenigstens jemanden suchen, der Euch bei der Distribution und Promotion unterstützen wird? Oder werdet Ihr nach dem Zwischenfall mit EastSide alles selbst in die Hände nehmen?

Nachdem das Album fertiggestellt wird wollen wir es nur an zwei Orte schicken: der eine ist eine bekannte ausländische Firma, die sich auf Doom-Metal spezialisiert hat und der andere eine polnische Plattenfirma. Wenn es nicht klappt, dann erscheint das Album im Frühjahr 2007 in Eigenregie, mit Unterstützung von Distributionsfirmen.

An dieser Stelle habe ich eine Bitte: vielleicht wird das neue Album ein schöneres Cover-Artwork haben als letztens?

Klar, es werden nur nackte Mädels drauf sein und im Innenteil deren Adressen ;-) Im Ernst, es wird ein grafisches Projekt vorbereitet, das hoffe ich interessant wird. Wir wollen, dass das Front-Cover strikt mit dem Innenteil zusammenwirkt und natürlich einen Bezug zu Texten und Musik hat. Doch auf der anderen Seite ist uns die Musik am wichtigsten und darauf konzentrieren wir uns am meisten.

Im Interview für das „mHouse Magazine“ sagtest Du, dass die neue Musik einen Abschlusspunkt im Schaffen von Nightly Gale darstellt. Soll ich darunter verstehen, dass wir auf dem kommenden Album etwas ganz verschiedenes als bisher zu erwarten haben? Hast Du eine Vision, was die etwas weiter entfernte Zukunft der Band angeht?

Wir wollten, dass die neuen Elemente, die darauf zu hören sind, wie wir aus verschiedenen Etappen unserer Geschichte klingen, gleichzeitig aber moderner. Wir glauben, dieses Ziel haben wir erreicht und es wird ein starkes Stück Musik werden. Für manche wir es ein Manko sein, dass keine Schreie mehr verwendet wurden, aber nach manchen Aussagen von Zuhörern wird es nicht so tragisch sein. Außerdem entwickle ich mich ständig weiter und habe einige tolle Ideen für meinen Gesang, so dass die Abwechslung für alle befriedigend sein dürfte.

OK, das wäre alles. Danke für das Interview! Ich hoffe, Nightly Gale ist endgültig zurückgekehrt. Behalte im Kopf, dass Ihr im „Atmospheric“ (vide Name) immer herzlich willkommen seid. Wir empfehlen uns für die Zukunft.

Großen dank für das Interview, die Unterstützung. Ich möchte jeden dazu ermuntern, sich mit unserem Album „illusion of evil" bekannt zu machen und lade auf unsere Website ein, wo dessen Fragmente zu finden sind.

Interview geführt von: Kasia, Paweł. Übersetzung: Gollum (Aug. MMVII)
Für die Erlaubnis zum Kopieren des Interviews aus der Printausgabe danke ich Kasia (atmospheric.pl)

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